Pictures von Katie MeluaPictures heißt das neue, dritte Werk von Katie Melua. Mit sechs selbst (mit-)geschriebenen Songs ist so viel Melua drin wie noch nie zuvor. Am 28. September erscheint es – u-kult.de hat es vorab unter die Lupe genommen. Schaffte Katie Melua nun also das optimale dritte Album?



1.) Die Phase der Vorfreude

„Piece By Piece“, das zweite Album von Katie Melua ist nicht nur nach wie vor in den Katie Melua bei der Star Academy. Screenshot: u-kult.deAlbumcharts zu finden, sondern auch nach wie vor eines der oft und gerne privat gehörten Alben. Nine Million Bicycles und Spider’s Web haben es mir da im Besonderen angetan – also ein von Mike Batt geschriebenes und ein von Katie Melua geschriebenes Lied. Insofern war schon die Ankündigung, dass das kreative Team Batt/Melua nun ein drittes Album veröffentlicht, Anlass zu großer Freude. Und es verrauchte in diesem Zusammenhang sogar der Ärger über die unsägliche Special Edition von „Piece By Piece“, die mit mit drei Bonustiteln und einer Bonus-DVD nicht unbedingt das Herz jeden Fans höher schlagen ließ, war man so doch im Interesse der Vollständigkeit der Melua-Sammlung gezwungen, sich das Album zweimal zuzulegen. Doch wie gesagt, all das war schnell verrraucht in der Aussicht auf ein ganz neues Album mit zwölf neuen Titeln.

2.) Der erste Eindruck

Wenn dann Katie Melua in der Post liegt, dann muss alles andere warten. Und im Falle von „Pictures“ musste alles andere richtig lange warten, denn es war „Liebe auf den ersten Blick“. Es kommt ja ab und zu vor, dass mir ein Album auf Anhieb gefällt und nicht selten höre ich mir gleich nach dem ersten Durchhören des Albums die (vorläufig als solche ausgemachten) Lieblingssongs nochmals an. Dass ein komplettes Album aber erst einmal vier Mal ununterbrochen durchläuft, ist dann doch die ganz große Ausnahme – genau das aber ist mit „Pictures“ von Katie Melua geschehen. Und auch nach mittlerweile mehr als zwanzig Durchläufen gibt es noch nicht einen einzigen Song, der übersprungen worden wäre – das ist dann tatsächlich eine Premiere, denn selbst bei „Piece By Piece“ gab es den ein oder anderen Song, der mir nicht in jeder Stimmung gefallen hätte. Somit ist der erste Einduck des Albums also so gut wie er nur sein kann.

3.) Der kritische Blick

„Pictures“ ist das dritte und letzte Album der Kooperation Batt/Melua. Und wenn man Katie Melua bei der Star Academy. Screenshot u-kult.desich dieses Album genauer anhört, scheint es auch genau der richtige Zeitpunkt zu sein, nach diesem Album getrennte kreative Wege zu gehen, denn was sich schon bei „Piece By Piece“ andeutete, ist bei „Pictures“ richtig deutlich geworden: Die Mike-Batt-Songs sind zwar oft eingängiger als die Katie-Melua-Songs, zweitere aber wirken dafür deutlich frischer, frecher und sprudeln nur so vor Ideen. Das alles wohlgemerkt, ohne dass die Batt-Songs irgendwie schlecht geworden wären, Katie Melua hat nur als Songwriterin einen weiteren Schritt nach vorne gemacht und Mike Batt in meinen Augen hier mittlerweile überholt. Auf „Pictures“ ergänzen sich die beiden noch ziemlich gut, auch wenn die kreative Führung klar von Mike Batt auf Katie Melua übergegangen ist – es wird spannend werden, wie dann das vierte Album klingen wird – hier kann sich Katie Melua aber durchaus Zeit lassen, denn „Pictures“ wird mindestens so lange als eines der Lieblingsalben „vorhalten“ wie „Piece By Piece“. Mit „Spellbound“, „What I Miss About You“ und „If You Were A Sailboat“ kristallisieren sich nach mehrfachem Hören neben dem Coversong „In My Secret Life“ drei unter den wirklich glänzenden Songs nochmals leicht favorisierte Lieder heraus. „Pictures“ ist also auch nach genaueren Hinsehen das „optimale dritte Album“.

 

 

4.) Haarspalterei

Charlie Chaplin, he was invited,
when these artists became united

Mit dem Mike-Batt-Song „Mary Pickford“ gelingt der Einstieg in „Pictures“ richtig gut. Die Melodie ist schnell erfasst und eingängig, im Text gibt es das ein oder andere Wortspiel. Also unverkennbar Katie Melua in der Interpretation, unverkennbar Mike Batt in der Komposition – und doch kommt das Gefühl auf, dass dieser Song auf „Call Off The Search“ oder „Piece By Piece“ nicht unbedingt drauf gepasst hätte – er wirkt irgendwie (noch) reifer als die Songs der früheren Alben.

Every night we fall into bed, but it’s all in my head.
Every night we fall in a heep and you kiss me to sleep…“

„It’s All In My Head“ haben Katie Melua und Mike Batt zusammen geschrieben. Einer der typischen ruhigen Songs, wie man sie von der Grundrichtung her auch von den ersten beiden Alben kennt. Ein Song, in dem Katie Melua auch einige Facetten ihrer Stimme zeigen darf, ein Song, der an einigen Stellen Meluas Verspieltheit zeigt, aber doch die für Mike Batt typischen klaren und einfachen Spannungsbögen aufweist. Man bekommt hier so langsam die Idee, dass Mike Batt der ist, der Katie Meluas Musik anfangs erst für viele zugänglich machte. Aber auch wenn der Song richtig stark ist, so beschleicht mich hier manchmal das Gefühl, als ob es hier nicht mehr ganz so einfach gewesen ist, die unterschiedlichen Herangehensweisen an Musik von Katie Melua und Mike Batt unter einen Hut zu bekommen.

And if the lights go out on all of us
In a year or two
And if the sky comes down like falling rain
I’ll be here with you; I’ll go down with you

„If The Lights Go Out“ ist ein sehr typischer Song für die Mike-Batt-Kompositionen auf diesem Album. Der Mann muss seit Jahren glühend verliebt sein, denn aus jeder Pore seiner Texte kommt ein Liebesbekenntnis heraus. Die Kernaussage seiner Songs ist insofern auch seit „Call Off The Search“ gleich geblieben: Egal was passieren mag, ich möchte, dass es mir an deiner Seite passiert. Es wird spannend sein, zu hören, ob das auch der Tenor des angekündigten Mike-Batt-Soloalbums sein wird – es ist jedenfalls im Moment schwer vorstellbar, dass es nicht so sein könnte…

Missing the train every morning at eight fifty-two,
Sipping coffee from the same cup as you,
The sharing of secrets we thought no-one else knew,
That’s what I miss about you.

„What I Miss About You“ ist der erste Song des Albums, bei dem Mike Batt seine Finger nicht im Spiel hatte. Und es ist der erste Beweis dafür, dass „Schülerin“ Katie Melua ihren Mentor Mike Batt mittlerweile überholt hat, was die Ideenvielfalt angeht, die in einem einzigen Song steckt. Denn mittlerweile haben auch Katie-Melua-Songs klar definierte Strukturen, ihre Verspieltheit muss darunter aber keineswegs leiden. Es ist wohl wirklich so, dass sie mittlerweile sehr gut auf eigenen Beinen zu stehen vermag.

I have become spellbound,
You lifted me up high
Now I don’t know how to get down…

„Spellbound“, das einzige Lied auf diesem Album, das Katie Melua ganz alleine geschrieben hat, ist ein Highlight unter den ohnehin äußerst starken zwölf Songs. Es sprudelt nur so vor Ideen, gerade musikalisch, kommt sehr verspielt daher – und es ist für Katie-Melua-Verhältnisse im musikalischen Ton sehr fröhlich. Die Ideen, die musikalisch in diesem Song stecken und die man beim ersen Hören allenfalls zu erahnen mag, hätten wohl Manchem für fünf Songs gereicht – bei Katie Melua kommt dabei ein Song raus. Einer, der unter absoluten Sahnestücken nochmals heraus ragt – spätestens hier bin ich nicht nur angetan, sondern extremst begeistert von dem Album.

Ain’t gona lose now, such a lot to win,
‚Cause I will always know you’re just what it says on the tin

Wir sind wieder im Mike-Batt-Land angekommen und das hört man auch – jedenfalls im Vergleich zu „Spellbound“ ist „What It Says On The Tin“ musikalisch und textlich deutlich einfacher gestrickt – was keineswegs schlecht rüberkommt, gerade auch nicht in der Mischung mit Katie-Melua-Songs. Und es ist ja nicht so, dass man bei Mike Batts Kompositionen keine Tiefe erkennen würde, es ist nur anders strukturiert und wirkt deutlich kalkulierter als die Musik Katie Meluas. Macht auf seine Weise aber auch richtig Spaß.

Zombies marching through the mist
Make me think of beeing kissed…

„Scary Films“ ist der wohl witzigste Mike-Batt-Song auf dem Album. Wenn es eines Beweises für Katie Meluas Spruch bedurft hätte, dass Batt noch aus dem gruseligsten Thema (scary films) ein lustiges Lied zu schreiben vermag, dann wäre er hiermit erbracht. Katie Melua war ja gerade erste in „Grindhouse“ in einem der falschen Trailer zwischen den beiden Filmen zu sehen (leider nur in den USA, da bei uns „Death Proof“ und „Planet Terror“, die beiden Filme, zwischen denen in den USA die angeblichen Trailer gezeigt wurden, auseinander gerissen wurden). Im Zuge dieser ersten kleinen Schauspielerfahrung hatte sie bereits ihre Vorliebe für „dunkle“ Filme jeder Art enthüllt, der Song wurde ihr von Mike Batt also in gewisser Weise auf den Leib geschrieben.

Even when I’m walking straight
I always end up in a perfect circle

Dass (zumindest) der Text von „Perfect Circle“ von Katie Melua selbst stammt, dazu hätte es keines Booklets bedurft – die zitierte Zeile ist absolut typisch für Katie Meluas in Songs gefasste Gedanken – siehe auch „Spider’s Web“ oder „Belfast“. Musikalisch ist „Perfect Circle“ wieder ziemlich unbeschwert – jedenfalls für Katie Melua-Verhältnisse – was aber auch daran liegen kann, dass sie den Song ja nicht alleine geschrieben hat. Für die unbeschwerten Töne könnte also auch Molly McQueen, die Coautorin des Songs, verantwortlich sein. Wie auch immer, der Song ist jedenfalls richtig gut und insofern ist mir aus Hörerperspektive nicht so wirklich wichtig, wer nun genau für welchen richtig guten Teil von „Perfect Circle“ verantwortlich war.

We were born to ride
side by side
We were always reaching for the stars
And they can be ours

Müsste ich wetten, dann würde ich bei „Ghost Town“ darauf setzen, dass Katie Meluas Einfluss auf die Musik hier stärker war, während Mike Batt beim Text die Nase vorn hatte. Der Text ist typisch Mike Batt, der in fast jeden Text romantische Anwandlungen verpackt, dass es schwer fällt, etwas anderes zu glauben. Angesichts der Tatsache, dass das im Booklet nicht aufgedröselt wird, wer für was verantwortlich war, kann ich diese Meinung auch unwiderlegt so stehen lassen. Musikalisch vermag „Ghost Town“ dann auch richtig zu überraschen, denn er ist mit einigen karibischen Einflüssen versehen – Katie Meluas Art von Reggae kommt extrem entspannt daher – und wenn es nicht eigentlich eh schon so wäre, dass mir dieses Album zwölf neue Lieblingssongs beschert, dann wäre „Ghost Town“ als Einzelsong auf jeden Fall auch ein Kandidat für die persönliche Hotlist.

If you were a river I would swim you’re,
If you were a house I would live in you all my days,
If you were a preacher I’d begin to change my ways..

Wenn „Perfect Circle“ ein typischer Katie-Melua-Text ist, dann ist „If You Were A Sailboat“ ein typischer Mike-Batt-Text (bzw. ein typischer Mike-Batt-Song). Und zeigt nochmal, warum man Katie Melua auch für seine Songs mehr als nur schätzt – der Song ist wunderbar romantisch getextet und mit passender Musik versehen – aus meiner Sicht haben wir hier den stärksten Mike-Batt-Song dieses Albums am Start. Schon deshalb, weil er nicht aus irgendwelchen anderen Themen ein Liebeslied macht, sondern hier einfach direkt vorgeht. Und der direkte Weg ohne die Notwendigkeit, erstmal um ein anderes Thema herumzuschreiben, öffnet dann eben die Pforte zu einem wunderschön poetischen Text. Hatte ich nicht eben was zum Thema „Hotlist“ geschrieben? Das gilt für „If You Were A Sailboat“ auf jeden Fall auch.

I’ll take your love and leave my kind regards,
But I never cheat at cards

„Dirty Dice“ vermag dann auf musikalischer Ebene doch überraschen, gibt es doch einige Anleihen aus dem lateinamerikanischen Kulturkreis – etwas, das bisher nicht unbedingt auf Katie Meluas Alben zu hören war. Aber es passt gut rein. Und das Team Melua/McEwan, das auch schon für „What I Miss About You“ verantwortlich zeichnete, zeigt hier auch gleich eine gewisse Bandbreite, denn der Song kommt vollkommen anders daher als das erste gemeinsame Werk dieses Albums.

…and the dealer wants you thinking that it’s either black or white,
Thank God it’s not that simple in my secret life…

AchteinhalbWenn Katie Melua Songs covert, dann, so sagt sie, hört sie nie das Original vorher an, sondern liest lediglich die Noten. Nach ihrer Ansicht wird ein guter Song dann von alleine gut und anders als im Original. Wer das bisher für eine Phrase gehalten haben sollte, dem sei ans Herz gelegt, „In My Secret Life“ zu hören – denn das ist der perfekte Beweis dafür.

„Pictures“ führt „Call Off The Search“ und „Piece By Piece“ nicht nur fort, in gewisser Weise übertrifft das Album die beiden Vorgänger sogar. Denn es wirkt oftmals noch reifer als die Vorgänger – wenn man dabei bedenkt, dass Katie Melua gerade erst 23 geworden ist, übrigens ein sehr erstaunlicher Grad an musikalischer Reife, den sie hier vorlegt. Hut ab, wir sehn uns auf der Tour…

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