Christina Stürmer ist in dieser Stadt
von Matthias Pohlmann
Chistina Stürmer legt mit “In dieser Stadt” 2009 bereits das vierte Studioalbum vor. Und zum vierten Mal erreichte sie damit den ersten Platz der österreichischen Charts – Platz 6 und 8 in Deutschland bzw. der Schweiz ist zwar unterhalb des mit dem Vorgänger “Lebe lauter” erreichten – aber es ist alles andere als ein Flop. Ein solcher wäre auch äußerst verwunderlich, ist “In dieser Stadt” doch ein Album, das sich Liebhaber guter deutschsprachiger Musik auf jeden Fall zulegen sollten.
1.) Die Phase der Vorfreude
Ein neues Album von Christina Stürmer ist angesichts der Tatsache, dass sie die erste ist, die bewies und beweist, dass auch in deutschsprachigen Ländern Casting erfolgreich sein kann, immer ein Grund zur Freude. Bärenstarke, charismatische Stimme, Texte (oft) schlicht zum Verlieben und eine äußerst sympathische Ausstrahlung sind eben auch nicht der schlechteste Mix für eine Musikerin. Insofern war es keine Frage, ein Rezensionsexemplar des Albums zu bestellen. Ebensowenig wie es in Frage kam, nicht auf ihr Livekonzert zu gehen…
2.) Der erste Eindruck
Der erste Durchlauf des Albums war dann durchaus in gespannter Erwartung. Wird es Christina Stürmer gelingen, sich treu zu bleiben und doch Neues zu liefern?, war ausformuliert die Frage, die sich dabei stellte. Und dem ersten Eindruck nach war diese Frage mit “Mission erfüllt” zu beantworten. Auch ist es ja nicht bei jedem zu rezensierenden Album so, dass man sich auf das erneute Anhören freut – “In dieser Stadt” aber hört man gerne nochmals. Schon die vorab bekannte Single “Ist mir egal” hatte Spaß gemacht – und das gesamte Album bleibt hinter dieser Single nicht zurück.
3.) Der kritische Blick
Wer mit rockigen Klängen nichts anfangen kann, ist bei Christina Stürmer natürlich falsch – zu dieser Gruppe zähle ich aber nicht. Und insofern liegt hier ein Album vor mir, das einen (jedenfalls für mich) auch beim wiederholten Anhören den perfekten Mix aus schnell und langsam, aus ruhig und schnell, aus kritisch und romantisch bietet. Schon beim ersten Mal Anhören hatte es sich angedeutet – der klare Lieblingssong auf dem Album wird “Mehr als perfekt” sein – und das verfestigte sich von Mal zu Mal mehr. Sprachlich Poesie und ein Ohrwurm – was will man denn mehr? Ebenfalls besonders positiv haften blieb der Titelsong “In dieser Stadt” – neben dem erwähnten “Ist mir egal” sowie “Stille Helden” und “Niemals hoffnungslos“. Alles Songs, die man von Anfang an gleich nach dem Ende nochmals hören will. Auch bei kritischerem Hinsehen will das Album also einfach nicht “nicht gefallen” – im Gegenteil.
4.) Haarspalterei (überspringen)
Das können wir sein
wir haben es in der Hand
wir werden mehr Licht sein
und haben gerade erste begonnen,
denn wir können nur gewinnen,
wenn wir in Bewegung sind
„Das können wir sein“, Opener dieses Albums ist typisch Christina Stürmer. Rockige Klänge verbunden mit einer Botschaft (“Wir müssen nicht immer die Besten sein, wir sollten nur echt und ehrlich sein“). Das erste Stück lässt beim geneigten Fan also gleich das Gefühl des Zuhause-Seins zurück. Das soll hier übrigens nicht so verstanden werden, als sei dieser Song austauschbar.
Und Du fühlst Dich allein
in der kleinen verschlafenen Stadt
für Dein Anders sein
wirst Du jeden Tag bestraft.
Ob beim Einkaufen gehen
in der Nachbarschaft,
beim Entscheidungsspiel der Fußballmannschaft.
Allein – in dieser Stadt
„In dieser Stadt” – der Titelsong des Albums (komponiert und getextet von Oliver Varga, Gitarrist in Christina Stürmers Band) – beschreibt in sehr eindrücklichen Worten ein fremdelndes Gefühl in einer fremden Stadt. Ohrwurm pur mit einem Text zum Nachdenken – was will man denn mehr?
Bleib doch bei mir
bleib hier
und komm raus aus Deinem Versteck
ich hab Dich schon lang entdeckt
Kein Weg ist zu lang
in dieser schnellen Zeit
wir kommen zusammen
es ist nicht mehr weit
Lichtjahre entfernt
wir mussten lernen, wir selbst zu sein
und das ist nicht mehr weit
„Nicht mehr weit“, erneut aus der Feder Oliver Vargas, rückt beim genaueren Hinsehen auch immer weiter nach oben auf der persönlichen Beliebtheitsskala – und wird prompt wieder und wieder gehört. Man schämt sich der Wiederholung schon (fast) – aber es ist der nächste Ohrwurm mit – richtig – bestens gelungenem Text. Weder total rockig noch gänzlich ruhig ist dieser Song übrigens auch ein sehr guter Übergang zum (richtig schnellen) nächsten Stück:
Ist mir egal
es interessiert mich nicht
völlig egal
ob euer falsch mein richig ist
zum letzten mal
wenn Du denkst, Du bekommst, was Du kennst
ja dann irrst Du Dich
dann bin ich das nicht.
„Ist mir egal“, erste Singleauskopplung des Albums, ist ein “Instant Ohwrurm”. Wie man es kennt von Christina Stürmer: Ein Text (zumindest) garniert mit Denkanstößen verpackt in eine eingängige – (nicht nur) hier rockige – Melodie. Und doch keinesfalls ein Song, bei dem man das Gefühl hat, Christina Stürmer wiederhole sich. Gut gemacht!
Es ist mehr als perfekt
besser als richtig
in diesem Moment steht die Zeit einfach still
sie wird nur flüchtig
wenn man ihr hinterher rennt.
Welten gehen unter und werden neu geboren
doch wir gehen hier nicht weg
und es ist mehr als perfekt
„Mehr als perfekt” – das war Liebe auf den ersten Blick. Eine der schönsten deutschsprachigen Balladen überhaupt. (Und nebenbei: Da ich mit dieser Meinung nicht alleine stehe, lernen mit diesem Song – und mit dem ganzen Album – irische Schülerinnen jetzt Deutsch. Denn meine deutsch lehrende Patentante war auch hin und weg). “So kann man nämlich auch mit unserer Sprache umgehen”, meinte Andrea Kiewel anerkennend im ZDF-Fernsehgarten, nachdem Christina Stürmer „Mehr als perfekt” dort vorgestellt hatte. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Warum dreht sich mein Herz im Kreis?
Warum bin ich ohne Dich nicht frei?
Warum weiß ich, es gibt keine Hoffnuung für uns zwei?
Warum lieb ich und hass ich Dich zugleich?
„Im Kreis” beschreibt eine innerere Zerrissenheit, die wahrscheinlich viele Menschen aus eigener Erfahrung kennen. Dass sich ein Lied überhaupt nach einem Höhepunkt wie „Mehr als perfekt” behaupten kann, ist ein Qualitätsmerkmal an sich. Musik und Text bilden eine perfekte Symbiose – mehr kann man von einem Song nun wirklich nicht verlangen…
Dieser Tag ist viel zu lang
dieser Tag verlangt ein Ende
„Dieser Tag” stammt von Anna Müller und Paul R. Wallner – beide Mitglieder der Band “Herbstrock“, die Christina Stürmer auf ihrer 2009er-Tour als Support begleiten. Und wer das (im Übrigen empfehlenswerte und demnächst an dieser Stelle besprochene) Album von Herbstrock mit dem schönen Namen “Die bessere Hälfte” kennt, der entdeckt in diesem Lied durchaus eine bekannte Handschrift. Und zwar in positivem Sinn. Denn Herbstrock passt wunderbar zu Christina Stürmer (ohne dass sich die beiden “auf den Füßen stehen” würden) – was man auf der 2009er Tournee von Christina Stürmer übrigens auch live erleben konnte.
Es gibt keine festen Schritte
keinen durchgängigen Beat
keinen Kreis, keine Mitte
keinen Takt in diesem Lid
Es macht keinen Unterschied
Hiermit fordere ich Dich auf
zu diesem Tanz ohne Musik
„Tanz ohne Musik” ist der erste Song seit „Nicht mehr weit” aus der Feder Oliver Vargas. Ein Song, der insbesondere auf den zweiten Blick seine Stärken entfaltet. Und irgendwie dann auch im Gedächtnis haften bleibt. Ob das besser oder schlechter ist als ein “Instant Ohrwurm”, sei hier einfach einmal unbeantwortet – möge sich jede/r selbst eine Meinung bilden.
Und jetzt stehn wir hier
und ich danke Dir dafür
dass Du immer noch zu mir hältst
in dieser viel zu lauten und schnellen Welt
wie ein Teil von mir
ich danke Dir dafür
weil mich so keiner kennt
und mir wichtig ist
dass ich dankbar bin
„Jetzt dank ich Dir” gehört musikalisch zu den Stücken, die man auch nach mehrmaligem Hören noch nicht so ihm Ohr hat, dass man sich beim Lesen des Textes an die Melodie erinnern könnte. Hört man ganz bewusst nur diesen Song, so mag man ihn durchaus – eine der nachdenklicheren Balladen auf diesem Album – aber eben kein Ohrwurm. Was hier nicht negativ verstanden werden sollte – nicht jedes Lied auf einem Album muss ein Ohrwurm sein…
Vielleicht sind wir gar nicht mehr so weit entfernt
vielleicht sieht man gleich schon das Meer
vielleicht haben wir bald schon den Gipfel erreicht
vielleicht ist es gar nicht so schwer wie es scheint
„Vielleicht” macht insofern da weiter, wo „Jetzt dank ich Dir” aufgehört hatte, als es auch kein “Instant Ohwurm” ist. Allerdings erinnert man sich angesichts der “lauteren” (rockigeren) Passagen innerhalb dieses Songs schneller an dieses Lied als an das vorige. Textlich gehört „Vielleicht” nicht zu meinen ganz großen Favoriten auf diesem Album – es spricht mich persönlich einfach nicht so an wie die anderen Songs.
Wir bleiben nicht hier
geben nicht auf
auch wenn die ganze Welt zusammenbricht
bauen wir sie morgen wieder auf
„Niemals Hoffnungslos”, ein Favorit seit dem zweiten Hören des Albums, ist ein typischer Christina Stürmer-Song. Der Text spricht an, die Musik rockt – eines der vielen Lieder auf dem Album, das man beim Hören schlicht genießt.
Du für mich – und ich für Dich
bis der Wind sich wieder dreht
und die Nacht vorübergeht
Du für mich – und ich für Dich
Du für mich – und ich für Dich
„Du für mich” - ist einer der vielen Songs rund um die Liebe – das bestimmende Thema dieses Albums. Und wie so oft, beweist Christina Stürmer hier, dass man keinen Kitsch braucht, um sich in deutschsprachiger Musik diesem Thema zu widmen, sondern dass das auch mit guten Texten und rockiger Musik richtig gut funktioniert.
Stille Helden stehen uns bei
unerkannt, überall
Stille Helden dieser Zeit
drehen den Wind und wissen nicht,
dass sie stille Helden sind
„Stille Helden” – ein Stück, das sich relativ schnell in den “Favoritenkreis” unter den Songs dieses Albums katapultierte, gehört zu den eher ruhigen Vertretern auf “In dieser Stadt“. Einfach, weil der Text nachdenklich macht, weil die Melodie einfach schön ist und man diesen Song einfach nicht “über-”hören kann.
Dieses Leben ist nur für Dich
dieses Leben ist Deins
Verschenk es nicht
wo immer es aufhört und wo es begann
es liegt nur in Deiner Hand
„Ein Leben lang” – gehört textlich auf jeden Fall zu den Highlights auf diesem Album. Das Publikum Christina Stümers ist ja (insbesondere) auf Konzerten nach wie vor ziemlich jung. Da kann ein Song mit einer Aussage wie hier nicht falsch sein – und dass es dabei gelingt, auch die über 12jährigen “mitzunehmen”, spricht für die Qualität des Songs.
Ich reiss das Radio einfach auf
Dein Schweigen will ich nicht hören
ich dreh mein Radio richtig laut
um die Leere zu zerstören
ich dreh mich nicht um
kein Blick zurück
Du fehlst mir überhaupt kein Stück
„Reiss das Radio auf” – beschließt (abgesehen vom Hidden Track danach) das Album. Es wird zum Abschluss nochmal richtig rockig – und beschreibt eine nicht unbedingt angenehme Situation, die aber wiederum so ziemlich jede/r kennen dürfte. Ein starker Abschluss eines starken Albums.
5.) Fazit (doch lieber Haare spalten?)
16 Songs (plus Hidden Track) umfasst „In dieser Stadt” – 16 (bzw. 17) Mal zeigt Christina Stürmer dabei, was für eine facettenreiche Künstlerin sie ist. Wer die Chance hat, sie live zu erleben, sollte sich diese ohnehin nicht entgehen lassen – aber das Album gehört auch unabhängig davon zum Besten, was in diesem Jahr in Deutschland auf den Markt gekommen ist. Wieder mal ein klasse Album von Christina Stürmer – und eins, mit dem die Vorfreude auf Studioalbum Nummer fünf bereits beginnt – ganz einfach, weil man “mehr davon” (also von Christina Stürmer) zu hören bekommen mag. Chapeau!
Veroeffentlicht am 29. September 2009 in der Kategorie: Allgemein, CD-/DVD-Kritik, Inhalte, Musik, Sonstiges Casting |
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| 1 Kommentar »
September 30th, 2009 at 23:23
Ich muss mich bei ihnen bedanken fur diese grosse und ausfuhrliche rezenzion .
Christina verdient eine solche.Sie ist eizigartig und trotzdem , dass auf diesem album nicht alles super ist / z.b. 2 oder 3 songs / ist das Album absolut notig fur jeden, der autetische sozusagen lebensmusic horen will.Noch einmal danke .
Pavel